An dieser Stelle könnt ihr in den Prime Time Blog eintreten. Darin findet ihr Geschichten aus der "Dritten Welt" der Musik, wie Heinz Strunk die Welt der Gebrauchsmusik in seinem Buch "Fleisch ist mein Gemüse" so schön genannt hat. Wenn euch "Fleisch ist mein Gemüse" Spaß gemacht hat, werdet ihr an unserem Blog auch Freude haben. Auf dieser Seite veröffentlichen wir im wöchentlichen Abstand Geschichten aus dem Blog.
Für unsere Kinder wollen wir alle doch nur das Beste. Vor allem, wenn es um die Bildung geht. Abitur und dann eine akademische Laufbahn. Das ist das Ziel!
Meine Jungs waren in der Grundschule noch ziemlich gut. Die Orientierungsstufe war eine traumatische Katastrophe und im Anschluss daran hatten beide jeglichen Ehrgeiz verloren und waren stinkfaul. Am Ende hat es bei beiden mit Ach und Krach für einen Realschulabschluss gereicht.
„Ach so, dein Sohn hat den Realschulabschluss? Wie auf der Hauptschule?“
Ratlosigkeit macht sich breit. Was ist schief gelaufen, fragt sich insgeheim der Gesprächspartner und wie überbrückt er diese peinliche Situation. Dabei vergisst er gerne das eigene Versagen in den unterklassigen Bildungsinstituten, die zu besuchen er aufgrund seiner mangelnden Potenziale verdammt war.
Meine Söhne hatten es nicht leicht mit mir. Das leuchtende Beispiel in der Familie. Der einzige in Hunderten von Generationen alten deutschen Volksschuladels mit einer Hochschulausbildung. Nicht an der Mutter, nicht am Onkel, nicht an den Großeltern mussten Tim und Neel sich messen lassen, nein, an mir - an dem, der auf der Schlaubergerschule war.
Da konnte ich auch tausendmal betonen, dass mir ihr Schulabschluss schnurzpiepwurz ist, solange sie bei ihrer Suche nach ihrem ganz persönlichen Glück erfolgreich sind. Ich habe es meinem Gegenüber, vor allem den Lehrern bei den Elternsprechtagen angesehen: "AllesLippenbekenntnisse, was dieser Vater sagt, wem ist es schon egal, welchen Schulabschluss die Kinder haben."
„Was sollen die Kinder heutzutage denn machen, wenn sie kein Abitur haben?“
Stimmt! Was machen die armen Kinder bloß ohne die Möglichkeit an deutschen Hochschulen und Universitäten einen Bachelor in Abenteuer- und Erlebnispädagogik, in Angewandter Freizeitwissenschaft, in Baltistik, in Gender Diversity Competence, oder ihren Master vielleicht in Pferdewissenschaften wenn nicht gar in Glas-Keramik-Bindemittel zu erwerben. Was machen Realschüler bloß ohne die Perspektive als arbeitsloser Akademiker in der Erwachsenenbildung oder als Taxifahrer zu jobben?
„Vielleicht ein Handwerk erlernen?“, fragt der kleinlaut der Vater der Unbegabten.
„Ja, zur Not, aber da nehmen sie ja auch schon am liebsten Abiturienten!“
Stimmt, habe ich auch schon gehört. Das leuchtet auch ein, weil es dem Tischler oder dem Installateur angesichts unserer akademisierten Gesellschaft gut zu Gesicht steht, nach dem humanistischen Bildungsideal sozialisiert zu sein. Die Deutsch-LK „Literaturkritik“ und „Leben und Werk des Georg Büchner“ bilden eine ebenso sinnvolle Basis bei der Installation eines Toilettenbeckens, wie Stochastik oder Differentialrechnung. Derart vorgebildet macht es auch nix, wenn man zwei linke Hände – alles Daumen – hat.
„Vielleicht ein Handwerk erlernen?“
„Ja, zur Not!“
Woran liegt es eigentlich, dass wir auf der einen Seite alles so tiefgeistig durchdringen wollen, auf der anderen Seite als Gesellschaft so blöde sind wie noch nie? Wieso glauben wir, dass ein Key-Account-Manager etwas Besseres ist als ein Verkäufer? Warum ziehen wir den Anzug der Arbeitkluft vor? Oder anders gefragt, warum haben wir Deutsche eigentlich einen derart beschissenen Dünkel entwickelt, dass wir das Handwerk nicht mehr schätzen, dem wir unseren ganzen Wohlstand zu verdanken haben?
Hinter dieser Frage verbirgt sich der Grund, weshalb wir jetzt schon bald zehn Jahre lang für eine eher symbolische Gage die Strapaze auf uns nehmen, unter der Woche bei der Handwerkerfreisprechung in der Wesermarsch spielen.
Wir finden es richtig, dass die Kreishandwerkerschaft um ihren rührigen Geschäftsführer Thomas Sturm und seinem Team dem Handwerk wieder zu dem ihm gebührenden Stellenwert verhilft. Die Freisprechung spielt dabei eine zentrale Rolle. Die Kreishandwerkerschaft zelebriert die Übergabe der Gesellenbriefe. Die Friedeburg bildet den festlichen Rahmen. Die Kommunalpolitik schickt ihre wichtigsten Repräsentanten. Die Berufsschule ist vertreten und selbstverständlich werden auch die Eltern eingeladen. Die Presse berichtet mit großen Artikeln und Beilagen über die Veranstaltung. „Billig,“ so Thomas Sturm, der wortgewaltig und mit großer Eloquenz durch den Abend führt, „billig können andere!“ und so wird die Freisprechung zum gesellschaftlichen Ereignis.
Nach Gewerken werden die ehemaligen Auszubildenden auf die Bühne gebeten. Den Aufmarsch der Gewerke untermalen wir musikalisch. Jeder wird einzeln aufgerufen und erhält seinen Brief. Die Besten werden ausgezeichnet – „ohne die Leistung aller anderen zu mindern!“ Denn unter diesem Motto steht der Abend: Respekt vor der Leistung! Respekt vor der Leistung der ehemaligen Auszubildenden, Respekt vor der Leistung der Ausbildungsbetriebe, Respekt vor der Leistung der Berufsschule, Respekt vor der Leistung der Eltern und letztlich Respekt vor dem Handwerk.
Dieses Mal war ich persönlich betroffen. Neel hat seinen Gesellenbrief als Metallbauer erhalten und die ganze Familie war da: Birgit –selbstverständlich - und Neels Opa Helmut – mein Vater, Oma Leni und Opa Claus – meine Schwiegereltern und sein Bruder Tim mit unserer zukünftigen Schwiegertochter Rabea. Für Birgit und mich war es ein ganz besonderer Abend. Wir sind beide Familienmenschen und gemeinsam mit den Menschen, die wir lieben zu erleben, wie jetzt auch unser zweiter Sohn seine Berufsausbildung abgeschlossen hat, hat uns sehr glücklich und stolz gemacht.
Als Band gratulieren wir Neel und allen anderen, die ihren Gesellenbrief erhalten haben.
Ihr gehört jetzt zu einer Elite, denn das deutsche Handwerk ist immer noch das Beste der Welt! Ihr seid dafür verantwortlich, dass das so bleibt, und dazu ist es wichtig, dass ihr stolz auf euch, auf eure Leistungen und vor allem auf euren Beruf seid. Wir wünschen euch für euren weiteren Lebensweg viel Erfolg und alles Gute.